São Jorge ist keine Insel, die sich sofort in den Vordergrund drängt. Kein 2.300 Meter hoher Vulkan wie auf Pico, keine große Marina wie in Horta und keine UNESCO-Altstadt wie auf Terceira. Dafür gibt es dramatische Steilküsten, tiefgrüne Hänge, winzige Küstenebenen, Wasserfälle – und ziemlich guten Käse. Kurz gesagt: São Jorge ist eine Insel für alle, die gerne draußen unterwegs sind. Bei meinem Inselhopping zu den zentralen Azoren war São Jorge meine nächste Station nach Pico. Die Überfahrt nach Velas war ziemlich stürmisch. Ein Vorgeschmack auf die „Dracheninsel“, wie São Jorge wegen ihrer langgezogenen, zerklüfteten Form gerne genannt wird? Als wir schließlich den Hafen erreichen, hängen Regenwolken über der Insel. Waschküchenwetter. Und trotzdem denke ich ziemlich schnell: Hier könnte ich es aushalten. Denn diese Insel fühlt sich anders an. Wilder. Grüner. Ein bisschen rauer. Und genau das macht die Insel für mich so spannend.
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São Jorge in Kürze



Wo liegt São Jorge?
São Jorge gehört zur zentralen Inselgruppe der Azoren und bildet gemeinsam mit Faial und Pico das sogenannte Triângulo, das Inseldreieck. Die Insel liegt rund 20 Kilometer von Pico und etwa 30 Kilometer von Faial entfernt. Mit rund 54 Kilometern Länge und maximal knapp sieben Kilometern Breite ist São Jorge auffallend lang und schmal. Der höchste Punkt ist der Pico da Esperança mit 1.053 Metern. Hauptorte sind Velas im Westen und Calheta im Südosten.
Warum heißt São Jorge die Dracheninsel?
Schau Dir dazu São Jorge am besten einmal auf der Landkarte an. Die langgezogene Insel mit ihren steilen Küsten erinnert tatsächlich ein bisschen an einen Drachen. Noch viel eindrucksvoller ist allerdings die Landschaft vor Ort. Die zentrale Bergkette zieht sich fast über die gesamte Insel. Links und rechts davon fallen die Hänge teilweise spektakulär Richtung Atlantik ab. Und genau dort versteckt sich das eigentliche Highlight dieser Insel: die Fajãs.
Fajãs – das Besondere an São Jorge

Fajãs sind kleine, meist flache Küstenebenen unterhalb der Steilküste. Sie entstanden unter anderem durch Erdrutsche, vulkanische Prozesse oder herabgestürztes Gestein. Auf São Jorge gibt es davon besonders viele – insgesamt werden rund 70 Fajãs gezählt.
Wenn Du auf der Insel unterwegs bist, wirst Du immer wieder auf diese ungewöhnlichen Landschaften stoßen: Oben grüne Steilküste, darunter ein schmaler Streifen Land und dahinter direkt der Atlantik. Das sieht nicht nur spektakulär aus. Die Fajãs haben auch ein eigenes Mikroklima und werden teilweise landwirtschaftlich genutzt. Passionsfrüchte, Bananen, Feigen und sogar Kaffee wachsen dort. Ich hatte beim Blick auf diese üppige Vegetation jedenfalls kurz das Gefühl, irgendwo deutlich weiter südlich gelandet zu sein.
Fajã dos Cubres und Fajã da Caldeira de Santo Cristo
Wenn Du nur eine Ecke der Insel intensiver erkunden möchtest, würde ich diese beiden Fajãs auf die Liste setzen.
Die Fajã dos Cubres liegt an der Nordküste und ist für ihre Lagune und die außergewöhnliche Landschaft bekannt. Gemeinsam mit der benachbarten Fajã da Caldeira de Santo Cristo gehört sie zu den wichtigsten Fajãs der Insel. Beide verfügen über Küstenlagunen, die durch einen Kiesstrand vom offenen Meer getrennt sind. Von der Fajã dos Cubres führt ein Wanderweg weiter zur Caldeira de Santo Cristo. Und hier wird es richtig spektakulär.
Die Wanderung von der Serra do Topo über die Fajã da Caldeira de Santo Cristo bis zur Fajã dos Cubres gehört zu den bekanntesten Wanderungen auf São Jorge. Der offizielle Trail PR1 ist rund 9,3 Kilometer lang und als mittelschwer eingestuft. Die Strecke führt von der Hochebene hinunter Richtung Küste und vorbei an Wasserfällen, üppiger Vegetation und der Lagune. Genau so stelle ich mir eine Azorenwanderung vor. Nicht geschniegelt und perfekt. Sondern grün, feucht, ein bisschen wild und mit ordentlich Aussicht.
Fajã da Caldeira de Santo Cristo
Die Caldeira de Santo Cristo ist dabei mehr als ein schöner Fotospot. Die Lagune ist geschützt und für ihre Muscheln bekannt. Außerdem ist die Fajã ein beliebter Treffpunkt für die Surf- und Bodyboard-Szene. Wer also lieber auf dem Wasser als auf dem Wanderweg unterwegs ist, kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. Ich selbst habe bei meinem damaligen Besuch leider nicht die Zeit gehabt, die Fajãs zu erwandern. Das gehört definitiv auf meine Wunschliste.
São Jorge ist ein Paradies für Wanderer

Wenn Du gerne wanderst, solltest Du São Jorge nicht nur als Zwischenstopp zwischen Pico und Terceira einplanen.
Die Insel ist regelrecht von Wanderwegen durchzogen. Neben der bekannten Route zur Fajã da Caldeira de Santo Cristo gibt es beispielsweise Wanderungen zur Fajã dos Vimes, über den Pico da Esperança oder durch die Fajãs von Norte Pequeno. Besonders reizvoll finde ich die Kombination aus Berg und Meer. Du startest oben auf der Hochebene, wanderst durch grüne Vegetation und steigst immer weiter Richtung Atlantik ab. Und irgendwann steht da unten diese kleine Fajã. Das Meer direkt dahinter.
Ich glaube, man muss kein besonders großer Wanderfan sein, um bei diesem Anblick die Wanderschuhe freiwillig anzuziehen.




Parque Florestal das Sete Fontes
Ein weiterer Ort, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist der Parque Florestal das Sete Fontes. Bei meinem Besuch ist alles grün. Sehr grün. Dazu Regenwolken, Feuchtigkeit und diese fast urwaldartige Vegetation. Fehlt eigentlich nur noch, dass irgendwo ein Dinosaurier zwischen den Bäumen hervorkommt. Solche Momente sind es, die ich an den Azoren liebe. Die Landschaft wirkt nicht wie eine klassische europäische Urlaubsregion. Eher wie ein kleiner Ausschnitt aus einer anderen Welt. So stelle ich mir Mini-Hawaii vor.
Fajã dos Vimes – Kaffee mitten im Atlantik
Kaffee von den Azoren? Ja. Auf der Fajã dos Vimes herrscht ein besonders mildes Mikroklima, das den Anbau von Kaffee ermöglicht. Die dort angebauten Bohnen werden vor Ort verarbeitet und können natürlich auch direkt auf der Insel probiert werden. Das finde ich ziemlich faszinierend. Denn während man bei Kaffee sofort an Brasilien, Kolumbien oder Äthiopien denkt, wächst er hier auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik. Noch ein Grund, bei diesem Eiland nicht einfach nur aus dem Mietwagenfenster zu schauen.
Käse, jemand?
Wenn São Jorge eine kulinarische Visitenkarte hat, dann ist es ziemlich eindeutig der Queijo. Der Hartkäse aus Kuhmilch wird auf der Insel traditionell hergestellt und ist über die Azoren hinaus bekannt. Die Ursprünge der Käseproduktion reichen mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurück. Und natürlich musste ich probieren.12 Monate gereift? Ja. 24 Monate? Auch ja. Ich packe mir schließlich Käse für später ein. Weil Souvenirs ja nicht immer Magnete oder Muscheln sein müssen. Der Käse passt übrigens ziemlich gut zu einem Glas Wein – und spätestens hier schließt sich wieder der kulinarische Kreis zu Pico.
Die Menschen und das Leben auf der Insel
São Jorge wirkt auf mich ländlicher als Faial oder Terceira. Auf den Weiden stehen Kühe, auf den kleinen Straßen sind Pick-ups unterwegs und in den Dörfern geht das Leben seinen eigenen Gang. Bei meinem Besuch schauen mich die Einheimischen teilweise ziemlich ernst an. Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht auch daran, dass ich als Touristin mit Kamera und Wanderschuhen gerade mitten in ihrem Alltag stehe. Wie auch immer: Ich fühle mich hier wohl. Die Azoren sind für mich ohnehin kein Reiseziel, bei dem ich möglichst viele Sehenswürdigkeiten abhaken möchte. Ich möchte herumfahren, anhalten, staunen, essen und schauen, was hinter der nächsten Kurve kommt. São Jorge passt perfekt zu diesem Reisestil.
Meine schönsten Aussichtspunkte auf São Jorge

Wenn Du mit dem Mietwagen unterwegs bist, solltest Du immer etwas Zeit für spontane Stopps einplanen.
Besonders schön fand ich:
- Miradouro da Fajã dos Cubres – grandioser Blick über die Nordküste
- Fajã do Ouvidor – spektakuläre Küstenlandschaft und Badeplätze
- Pico da Esperança – höchster Punkt der Insel
- Ponta dos Rosais – raues Landschaftsende im Westen
- Fajã dos Vimes – Aussicht und Kaffee verbinden? Warum nicht?
Gerade auf dieser Insel würde ich mich nicht zu sehr an einen minutengenauen Reiseplan halten. Das Wetter kann sich schnell ändern und Nebel kann innerhalb kürzester Zeit die komplette Landschaft verschlucken. Und zehn Minuten später scheint wieder die Sonne. Azoren eben.
Baden auf São Jorge
Auch São Jorge hat natürliche Badeplätze. An manchen Stellen hat die Lava kleine Becken und Buchten geformt, die bei ruhiger See zum Baden einladen. Eine besonders bekannte Badestelle liegt bei der Fajã do Ouvidor. Allerdings gilt auch hier: Der Atlantik ist kein Swimmingpool. Bei Wellengang und starkem Wind solltest Du die Bedingungen ernst nehmen. Ich würde deshalb immer zuerst schauen, wie die Einheimischen die Situation einschätzen.
Wann ist die beste Reisezeit für São Jorge?


Grundsätzlich kannst Du São Jorge ganzjährig besuchen. Das Klima ist mild, aber typisch azoreanisch: wechselhaft. Sommer bedeutet deshalb nicht automatisch wochenlang blauen Himmel. Für Wanderungen sind die Monate mit stabilerem Wetter besonders angenehm. Gleichzeitig hat die feuchtere Jahreszeit ihren eigenen Reiz, denn dann zeigt sich São Jorge besonders grün. Ich persönlich würde lieber einmal durch einen kurzen Regenschauer laufen und anschließend eine dramatische Wolkenstimmung erleben als eine Woche lang auf perfektes Postkartenwetter warten.
Wie viele Tage für São Jorge?
Für einen ersten Eindruck würde ich mindestens zwei bis drei Tage einplanen. Wenn Du gerne wanderst, dürfen es gerne vier oder fünf Tage sein. Denn die Insel wirkt auf der Karte klein. Die Höhenunterschiede und kurvigen Straßen sorgen aber dafür, dass Du nicht ständig von einem Highlight zum nächsten rasen möchtest. Diese Insel ist keine Insel zum Abhaken. Nimm Dir also ruhig etwas Zeit.
Mein Reiseführer-Tipp: Azoren von Marco Polo
Mein Fazit zu São Jorge
São Jorge ist für mich die Insel, auf der die Azoren besonders wild und ursprünglich wirken. Dramatische Steilküsten, grüne Berge, Fajãs, Wasserfälle, Kühe auf Weiden und der Atlantik direkt vor der Haustür. Dazu Kaffee von einer kleinen Plantage und Käse, den man am besten gleich vor Ort probiert. Bei meiner Reise hatte ich leider viel zu wenig Zeit für São Jorge. Genau deshalb steht die Insel noch immer auf meiner persönlichen Azoren-Wunschliste. Ich möchte zurück. Mit deutlich mehr Zeit.
Wenn Du die Azoren individuell entdecken möchtest und Natur, Wandern und außergewöhnliche Landschaften liebst, solltest Du São Jorge auf keinen Fall nur als Zwischenstopp betrachten. Denn vielleicht ist genau diese etwas wilde, grüne Dracheninsel eine der Azoreninseln, die Dir am längsten im Kopf bleibt.




