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Woher kommst Du? Also eigentlich? [Persönliches]

In diesem Blog-Artikel sollte es eigentlich um etwas anderes gehen. Ich wollte Dir erzählen, warum ich mich mit der Beantwortung der recht simplen Frage: „Woher kommst Du?“ schwertue. Wollte Dir berichten, was Multi-Lokalität bedeutet und warum Herkunft, Heimat und Zuhause für mich so viele verschiedene Dinge sind, die sich wie ein Puzzle zusammensetzen und nichts mit Nationalität zu tun haben. Vor einigen Tagen wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir ein anderes Thema brennender auf der Seele liegt. Und das hat einen ziemlich faden Beigeschmack. Es geht um Alltagsrassismus. Ein Wort, das ich so niemals in den Mund nehmen wollte. Ich sträubte mich regelrecht davor, das Kind beim Namen zu nennen. Und dennoch ist es in meinem Leben allgegenwärtig. Warum, wieso, weshalb erzähle ich Dir – hast Du Zeit?

 [Dieser Beitrag spiegelt meine persönlichen Ansichten wider.]

 

„Woher kommst Du?“ ist keine Small-Talk Frage

Die Antwort auf die Frage: „Woher kommst Du?“ könnte so einfach sein. Wahlweise sind da:

  • „Vom Klo.“,
  • „Bäcker.“,
  • „Vom Sport.“,
  • „Shopping.“ oder
  • „Vom Tinder-Date.“

Doch Du ahnst es bereits, darum geht es hier nicht.

Beim Kennenlernen von bisher unbekannten Menschen, egal ob beim Sprachkurs, Networking-Event oder abends in der Bar, dauert es nicht lange, bis diese typische Small-Talk-Frage im Raum steht.

Und was sollte die Antwort auf diese Frage idealerweise enthalten? Obwohl die Antwort darauf ganz unterschiedlich ausfallen kann, wünscht sich Dein Gesprächspartner den Hinweis auf ein Land oder eine Stadt. Daran ist zunächst gar nichts Verwerfliches. Ich bin selbst ein neugieriger Mensch. Schließlich verbindet man mit Orten schöne Erinnerungen oder kennt Menschen aus den genannten Zielorten. Und dann kann so ein Anknüpfungspunkt schnell zu tieferen Gesprächen führen. 

Problematisch wird es für mich, wenn die Beantwortung der Frage nicht ausreicht und im Nachsatz so etwas folgt wie:

  • „Ach so, ja okay. Aber ich meinte, wo kommst Du wirklich her?“ oder
  • „Ah schön! Aber woher kommst Du eigentlich? Du hast doch irgendwelche anderen Wurzeln?“. 

Mein Gegenüber reißt dann die Augen auf und mustert mich von oben bis unten. Ich verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl, möchte es ihm aber nicht so einfach machen. Und frage: „Ja, was denken Sie denn?“ oder „Wie meinen Sie das genau?“. Doch manchmal ist mir einfach nicht danach, denn ich weiß ja, worauf es hinausläuft.

 

Wirklich? Schon wieder die Stammbaum-Frage denke ich mir.

 

Wenn ich gut gelaunt bin, folgen so charmante Antworten meinerseits wie: „Ausm Pott. Kennsse?“, „Aus dem schönen Saarland.“ (mit weich ausgesprochenem S) oder knackig kurz „Hamburch.“. Eigentlich ist das nur ein Bruchteil dessen, wo ich meine Ankerplätze sehe. Doch würde mein Gegenüber verstehen, wenn ich meine Lebensgeschichte herunterrattere?

Verstehe mich nicht falsch. Ich plaudere gerne mal aus dem Nähkästchen, besonders wenn mir mein Gegenüber sympathisch ist und wir auf einer Wellenlänge liegen. Doch ich selbst möchte entscheiden, was ich von mir preisgebe und wann. Es sollte also genügen, wenn ich einen Ort oder ein Land nenne und wir dann zu einem anderen Thema übergehen oder Du mir selbst einfach verrätst, wer Du bist. Schön ist auch, wenn Du mich nach meinem Namen fragst, nach meinem Sternzeichen oder mir verrätst, warum Du gerade an diesem Ort bist. 

 

Dunkle Haut = ausländisch?

Du fragst Dich, warum ich wegen dieser Frage so ein Fass aufmache? Diese mehr oder minder charmanten Nachfragen erinnern mich jedes Mal daran, dass ich anders bin – aufgrund meiner Hautfarbe. Für mich spielt Hautfarbe beim Kennenlernen keinerlei Rolle, insbesondere dann nicht, wenn wir die gleiche Sprache sprechen. 

Ich spreche akzentfreies Hochdeutsch, kann wahlweise auf Ruhrpott-Deutsch, Saarländisch oder in schwachem Hamburgisch mit Dir schnacken. Englisch und Spanisch geht auch. Französisch und Italienisch verstehe ich, sofern Du langsam spricht. Das Urdu aus Bollywood-Filmen verstehe ich ebenfalls. Auf grammatikalisch korrekte Antworten musst Du bei den letzten drei Sprachen leider vergeblich warten. Ich gebe mir aber Mühe und zur Not helfen Hände und Füße.

Mit meinen braunen Augen, schwarzem lockigem Haar und brauner Hautfarbe entspreche ich nicht dem typisch mitteleuropäischem Klischee. Das weiß ich. Und dennoch wüsste ich nicht, warum mein Erscheinungsbild geschweige denn DNA beim flüchtigen Kennenlernen thematisiert werden sollte. Oder hast Du eine Konversation mit einem wildfremden Menschen schon mal so begonnen: „Na, Sie haben aber tolle Rundungen. Wo kommt denn Ihr guter Appetit her – Mutter oder Vater?“ oder „Sie vertragen aber etwas mehr auf den Rippen. Welches Elternteil hat Ihnen denn so wenig Appetit vererbt?“. Ich treibe es ganz bewusst an dieser Stelle auf die Spitze. Du merkst selbst, wie banal das klingt, oder?

 

Einbruch in die Privatsphäre

Für mich und für viele andere, denen die Frage nach der Herkunft gestellt wird, ist das ein Eingriff in die Privatsphäre. Jeder geht damit anders um – ganz klar. Doch was in diesem Moment passiert, ist eine Kategorisierung.

Sobald ich verrate, woher ein Elternteil stammt, dass mein Aussehen rechtfertigt, hört es ja nicht auf. Meist wird dies dann bewertet oder es folgt ein bemitleidenswerter Blick. Es folgt die Frage, ob ich denn ein gutes Verhältnis „dorthin“ habe oder ob ich Alkohol trinke. Gerne wird mir attestiert, daher also die tollen Haare. Oder dass, mein Gegenüber mich eher nach Südamerika gepackt hätte. Womit ich generell kein Problem habe, denn mein Herz hängt an ganz vielen Orten in Südamerika. 

Als Kind zog ich von der Großstadt in die Provinz. Zum ersten Mal merkte ich bewusst, dass ich eine Exotin bin und wurde mal mehr mal weniger angestarrt. Im Ruhrgebiet war das, soweit ich mich erinnere, kaum ein Thema. Denn meine Kindergarten-Gruppen und Klassen-Kameraden waren alle bunt gemischt und hatten italienische, türkische oder eben deutsche Nachnamen. Wir alle waren Mülheimer. Mehr zählte nicht. Am neuen Wohnort, der Heimat meiner Mutter, hat es sehr lange gedauert, bis sich vor allem die älteren Mitbürger an das „schokobraune“ Mädchen mit dem „tollen Deutsch“ gewöhnt hatten.

Zwar habe ich vieles verdrängt, doch das angestarrt werden, verletzte mich. In diesem Alter wurde ich noch beschwichtigt: Es seien nur alte Leute, die neugierig sind. Stell Dich nicht so an oder sei nicht so empfindlich, waren ebenfalls Ratschläge. Wohlgemerkt niemals von meiner Mutter, die litt unter meiner Sonderstellung mindestens genauso, wenn nicht sogar ein bisschen mehr. Sah sie als Erwachsene, die Tragweite doch sehr viel deutlicher als ich!

Irgendwann glaubt man das und findet sich damit ab, mit einem Makel zu leben und niemals wirklich unsichtbar zu sein. 

Aussehen ist eine Sache. Doch auch eine Feststellung wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“, wollte ich spätestens an der Uni nicht mehr hören.

Jede einzelne dieser Feststellungen ist eine Ausgrenzung – jedes verdammte Mal. Dir wird vermittelt, dass Du anders bist und nicht dazu gehört. Gleiches trifft übrigens auch Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihres Übergewichts, einer Behinderung oder ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt werden.

 

„Geh zurück wo Du herkommst!“

Nun bin ich, wenn es um Bemerkungen zu meinem Aussehen geht, in den letzten Jahrzehnten etwas taub geworden. Doch eine Aussage lähmt mich jedes mal immer wieder und das ist ganz egal, wie alt ich bin:

 

Geh zurück wo Du herkommst!

 

Diesen Satz habe ich erst vor ein paar Tagen wieder gehört. Bei einem Spaziergang in der Mittagspause in einem bunten Stadtteil Hamburgs. Ein verbaler Streit mit einer uneinsichtigen Hundebesitzerin, endete mit dem oben genannten Totschlag-Argument.

Tja, wer keine Argumente mehr hat… Und dennoch war ich zutiefst erschrocken, dass diese junge Frau von einer solcher Lappalie auf eine solche Ebene wechselte. 

 

Sprachlosigkeit

Ich weiß, es gibt viele Menschen ohne Grips und dennoch hat mich dieser Satz völlig sprachlos gemacht und Dinge in mir aufgewühlt, die ich lange vergraben und weg geschoben habe. Im Laufe der Jahrzehnte sollte da eine Meter hohe Mauer sein, die mich schützt und keinen Angriff zulässt. Und dennoch erstarrte ich innerlich und war sprachlos.

Als Konsequenz habe ich eine Anzeige bei der Polizei erstattet. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich dies tun sollte. Mein Gespräch mit dem Ordnungsamt hat mich darin bestärkt zur Polizei zu gehen. Grundsätzlich achte ich Polizisten sehr. In meiner Idealvorstellung rettet die Polizei Menschenleben, deckt Drogenringe rauf und bekämpft das Böse. Da habe ich mich mit meinem Anliegen schon etwas geniert. Doch die Aussage des Polizisten nach dem Schildern meines Falls hat mich in meinem Vorhaben bestärkt. Die lautete nämlich:

 

„Sie könnten ja auch einfach drüber stehen.“

Das tue ich und nicht erst seit gestern. Als deutsche Staatsbürgerin habe ich das Recht laut § 185 StGB eine subjektiv empfundene Beleidigung, das kann übrigens auch üble Nachrede oder sexuelle Belästigung sein, zur Anzeige zu bringen. Auch wenn mein Fall vage und subjektiv ist und wenig „Erfolg“ hat, war dieser Schritt für mich notwendig.

In Zeiten einer nicht-bestehenden Regierung, Rechtsruck, NSU, Racial Profiling (hierzu gibt es einen interessanten Podcast auf Deutschlandfunk Kultur) und vermeintlichen Alternativen für Deutschland, möchte ich die Hoffnung auf ein tolerantes Deutschland nicht verlieren.

Ich stehe in diesem Sinne drüber, dass ich die mir zur Verfügung stehenden Mittel nutze, das Problem nicht mehr ignoriere oder einfach herunterschlucke. Kann ich darauf hoffen, dass sich Menschen für das Thema einsetzen, die selbst nie Opfer von Alltagsrassismus wurden? Wäre schön, die Realität sieht aber anders aus. Und darum möchte ich zumindest über das Thema sprechen, wenn auch nur im Rahmen dieses Blogs. Menschen mit dunkler Hautfarbe dürfen nicht gleich als Ausländer abgestempelt werden und damit ausgegrenzt. Und sind sie es doch– ist dies das einzige Merkmal, das sie als Mensch auszeichnet?   

Menschen wandern seit Jahrhunderten, nichts ist fest und in Stein gemeißelt und schon gar keine politischen Grenzen. Es wird, solange es Menschen auf der Erde gibt, Wanderungen geben. Vielleicht kann ich sehr viel gelassener als andere Mensch mit diesem Wissen in die Zukunft blicken. Denn ich weiß, ich kann mich nahezu überall auf der Welt Zuhause fühlen. Zuhause und Heimat haben in meiner Auffassung nichts mit Nationalität und politischen Linien auf einer Landkarte zu tun. 

Meine liebe Freundin Lu, die ich gerne bei solchen Themen zurate ziehe, traf es auf den Punkt: „Sonja, Du trägst eben einen reich bestückten Rucksack mit Dir rum.“ Stimmt. Und vielleicht ist es auch genau dieser Rucksack, der mich zur Geographin machte. Auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft zur Geographie lese ich zum Begriff der Geographie:

 

[…] Schon frühzeitig machen wir fundamentale geographische Erfahrungen, beispielsweise indem wir lernen, uns einen Orientierungsrahmen für unser alltägliches Handeln zu schaffen. Dieser Rahmen wird im Laufe unseres Lebens vielfältig erweitert, beispielsweise durch Reisen oder durch Einsichten, die die Schule und speziell der Geographieunterricht vermitteln. Beide Erfahrungen können nachhaltig wirken, und bei vielen wecken sie ein starkes Interesse und Engagement für die natürliche Umwelt, den heimatlichen Lebensraum oder fremde Länder und Kulturen. Dieses Interesse begründet zumeist ein Gefühl des Respekts und der Verantwortung gegenüber den natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen und der Vielfalt menschlicher Daseinsformen. […]

 

Und glücklicherweise sehe ich die Vielfalt der Menschheit als Mehrwert an. Dabei verspüre ich keinerlei Bedürfnis, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe kennen lernen zu wollen. Vielmehr möchte ich wissen, wohin sie gehen und was sie denken. Und vielleicht ist es ja ein Match und wir gehen ein Stück in dieselbe Richtung auf der Reise durch das Leben.

 

3 sehenswerte TED Talks 

Hierunter stelle ich Dir drei TED-Talks vor, die ich passend zum Thema finde. Viel Spaß! 

Chetan Bhatt: Dare to refuse the origin myths that claim who you are

Chetan Bhatt ist Soziologe und Professor an der London School of Economics and Political Science. In seinem TED-Talk spricht er darüber, wie uns unsere Ursprungsgeschichten oder Stammesgeschichten ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit geben. Aber manchmal können unsere Kleingruppen-Identitäten uns sogar davon abhalten, andere als Menschen zu sehen.

In seinem Vortrag fordert er dazu auf, herauszufinden wer man selbst ist und kreativ über andere und unsere gemeinsame Zukunft zu denken. In seinen Worten:

 

Es ist Zeit, die Frage von „Wo kommst Du her?“ zu ändern in „Wo gehst Du hin?“.

 

Taiye Selasi: Don’t ask where I’m from, ask where I’m a local

Was bedeutet es eigentlich von einem Ort zu stammen? Für einige, ist die Antwort ganz einfach und offensichtlich. Für andere, ist die Frage gar nicht so einfach wie es zunächst aussieht. Taiye Sealsi regt dazu an, eher die Frage zu stellen „Wo fühlst Du Dich Zuhause?“, anstatt zu fragen „Wo kommst Du her?“.

 

Carolin McHugh: The art of being yourself

Caroline McHugh ist eine Erscheinung mit einem liebenswerten Glasgower Akzent. Sie setzt sich dafür ein, die Individualität eines jeden Menschen in den Fokus zu stellen und die persönlichen Eigenschaften und Eigenheiten nicht zu unterdrücken, sich frei zu machen von Erwartungen anderer und eine stabile Beziehung mit seinem eigenen Ego aufzubauen.

 

Link-Tipp zum Thema Alltagsrassismus:

 

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