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Hundert Tage Amazonien [Rezension]

Buchrezension: Hundert Tage Amazonien

Wow, was für ein Abenteuer! Das dachte ich mir, als ich den Buchtitel dieses Bildbandes las: Hundert Tage Amazonien. Seit meinen Reisen durch den Regenwald Ecuadors und Perus bin ich bereits ein absoluter Regenwald-Fan. Es gibt noch so viel in diesem einmaligen Ökosystem zu entdecken. Kein Wunder also, dass ich Feuer und Flamme war, als ich las, dass National Geographic einen Bildband zum größten Regenwald-Gebiet der Welt herausbringt. Doch der Fotograf war mir bis dato unbekannt. Während meiner Recherche fand ich heraus, dass York Hovest vorwiegend in der Mode- und Beauty-Welt zu Hause ist. Für mich zunächst ein Widerspruch. Wie kann das denn funktionieren und welche Intention steckt hinter diesem Projekt? Dementsprechend kritisch blätterte ich nun durch den neu erschienen Bildband. Wie er mir gefällt, erfährst Du hier.

 

Der Fotograf: York Hovest

 

Wenn wir nicht aufhören, auch noch die letzten Rückzugsgebiete der wenigen Menschen auszubeuten, die überhaupt noch in der Lage sind, im Einklang mit der Natur zu leben, dann wird ein wichtiger Teil der Menschheitsgeschichte ausgelöscht. Und mit ihm die Natur. (S.184)

 

York Hovest wurde 1978 in Wesel geboren, lebt heute in München und ist als Mode-, Werbe- und Dokumentarfotograf weltweit unterwegs. Seine Karriere als Fotograf begann 2009. Hovest beendete seinen Beruf als Model und erlernte das Handwerk der Fotografie als Assistent bei bekannten Fotografen in Mailand und München. Aufgrund seines Backgrounds handeln seine Motive hauptsächlich von Beauty, Fashion und Lifestyle.

Bei einem persönlichen Zusammentreffen mit dem 14. Dalai Lama im Jahr 2011, wurde Hovest von dessen bewegenden Worten über das Schicksal Tibets berührt. Anschließend schrieb er dem Dalai Lama einen Brief und versprach ihm, Tibet in Wort und Bild festzuhalten. Ein paar Jahre später brach er zu seiner 100-tägigen Reise an das Dach der Welt auf. Daraus entstand der Bildband Hundert Tage Tibet – das Versprechen.

Der Bildband Hundert Tage Amazonien – Meine Reise zu den Hütern des Waldes basiert auf einer  hunderttägigen Reise durch das größte tropische Regenwaldgebiet der Welt, in dem viele Teile nahezu unerforscht sind. Nur noch wenige indigene Stämme können auf traditionelle Art und Weise ihr Leben im Regenwald meistern. Sie müssen gegen Ausbeutung jeglicher Art kämpfen. Ihr Lebensraum und der zahlreicher Tiere und Pflanzen sind stärker denn je bedroht. Hovest möchte mit diesem Bildband die Schönheit des Regenwaldes und seiner Bewohner mit der Kamera einfangen.

 

Der Inhalt: eine Reise durch das größte Regenwaldgebiet der Welt

 

Hundert Tage Amazonien

Blick in den Bildband: Hundert Tage Amazonien

 

Der Bildband Hundert Tage Amazonien ist 220 Seiten stark und beinhaltet etwa 200 Fotografien von York Hovest. Den Auftakt des Buches bilden eine Legende über den Ursprung des Rio Amazonas, das Vorwort des Journalisten und Umweltaktivisten Paulo Adario, der für sein Engagement von den Vereinten Nationen zum „Helden des Waldes“ ernannt wurde sowie das Vorwort des Fotografen.

Anschließend beginnt die Reise durch das größte Regenwaldgebiet der Welt. Dazu gehören Expeditions-Reisen durch Peru, Brasilien, Venezuela und Ecuador. Jedem Land wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin beschreibt Hovest von seiner Route, seinen Eindrücken und Beobachtungen und erwähnt auch, wer ihm den Zugang zu den indigenen Stämmen ermöglicht beziehungsweise eine ausschlaggebende Rolle bei der Durchführung der jeweiligen Expeditionen spielt.  Dazu zählen auch Organisationen, wie zum Beispiel die Stiftung AMAZOONICA in Ecuador, die sich für den Schutz der Gebiete und ihrer Bewohner einsetzen. Darüber hinaus werden die Besonderheiten der indigenen Stämme vorgestellt. Hier greift Hovest meist zu schwarz-weiß Aufnahmen und schafft ästhetische Porträts und lebhafte Szenen.

Schließlich endet das Buch mit einem Making-of. Ein persönliches Fazit sowie zahlreiche Anekdoten gibt Hovest zur Entstehung des Bildbandes preis. Es wird im Ansatz deutlich, dass diese Expeditionen ohne ein tolles Team nicht möglich gewesen wäre.

 

Fazit: Hundert Tage Amazonien

 

Hovest erhielt eine einmalige Chance eines der letzten Paradiese unserer Welt und eines der letzten Geheimnisse zu besuchen. Dabei dokumentiert er seine Eindrücke auf seine Weise und setzt diese gemäß seiner Auffassung in Szene. Sein Sprachrohr ist die Fotografie und sein Handwerk beherrscht er ohne Frage. Die Aufnahmen sind lebendig und ästhetisch. An keiner Stelle des Buches habe ich Unbehagen empfunden. Denn dieses Gefühl verspüre ich manchmal bei Aufnahmen indigener Stämme. Durch die Erläuterungen und Informationen zu den jeweiligen Bildern schafft es Hovest mich auf seine Reise mitzunehmen und in die Umgebung einzutauchen.

Gelungen finde ich die Kombination aus wichtigen Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Ländern und seine persönlichen Beobachtungen und Eindrücke. Dadurch entsteht ein bildhafter Sprachstil, der zum Verständnis der Bilder beiträgt. Ein bisschen Indiana Jones-Feeling sickert manchmal durch, etwa bei der spektakulären Reise in Venezuela.

Nichtsdestotrotz bleiben mir bei all der Ästhetik und Schönheit der Bilder auch ein paar kritische Punkte anzumerken.

Wenn ich es richtig verstehe, entstand die Idee zum Besuch hauptsächlich aus persönlichen Beweggründen, dies impliziert auch schon der Untertitel: Meine Reise zu den Hütern des Waldes.

 

Die Erinnerungen an meine erste Reise in den Dschungel waren noch sehr lebendig und ich wollte herausfinden, wie die Indigenen heute leben. Ich wollte Traditionen erleben, ihr Wissen und ihre Geschichten erfahren. (S.11)

 

Vielleicht liegt das in der Natur von Fotografen oder Künstlern, sich selbst etwas zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Dieses Gefühl schwappt manchmal auf mich über. National Geographic steht für mich vorwiegend für historische Entdeckungen und aktuelle Wissenschaftsthemen. Zunehmend muss ich meinen Blick aber wohl öffnen für Abenteuerberichte, zu denen ich diesen Bildband zähle.

 

Hundert Tage Amazonien – Gedanken zum Buch

Desweiteren fehlt mir eine präzise Darstellung des Arbeitsaufwandes und der Mühen des Teams im Hintergrund. In meiner Vorstellung ist die Durchführung einer solchen Expedition mit monatelanger Recherche mehrerer Personen verbunden sowie Rückschlägen und Niederlagen. Wie wurden die Kontaktpersonen gefunden und vor allem unter welchen Bedingungen konnte der Kontakt zu den indigenen Stämmen hergestellt werden?

Hovest schreibt:

 

Einige der Jüngeren hatten vor meinem Besuch noch nie einen Europäer gesehen oder berührt. (S.11)

 

Hätte es dabei nicht bleiben können oder sollen? Was wurde den Stämmen vielleicht versprochen oder welche Mittel, außer Hilfsgütern sind geflossen, damit sich diese Stämme bereit erklären sich ablichten zu lassen?

Gerade in Brasilien und Ecuador werden die Auswirkungen des Anbaus von Soja und Abbaus von Erdöl am Rande aufgezeigt. Für mich hätte es hier noch etwas tiefer gehen können und ausführlicher dargestellt werden können. Insbesondere die Petrolero-Dörfer sind ein Sinnbild für den Verfall der Beziehung zwischen Mensch und Natur und die Gier des Menschen nach Profit.

 

Was bleibt?

Der Bildband ist ohne Frage ein gelungenes Werk, der es auch ohne Ton schafft, den Regenwald so nahe zubringen. Für mich ist das die größte Leistung. Ich hatte bereits das Privileg zweimal in südamerikanische Regenwälder zu reisen. Niemals werde ich den Weckruf der Brüllaffen am Morgen vergessen, das Prasseln des Regens, die zahlreichen Tierlaute im immergrünen Wald und die unglaubliche Dunkelheit in der Nacht.

Obwohl ich mich selbst als „Peru-Kennerin“ betiteln würde, habe ich in diesem Buch erstmals von den Matsés gelesen. Besonders imponiert hat mir die abenteuerliche Expedition in das ohnehin schwer angeschlagene und politisch instabile Venezuela.

Falls es dieses Werk schafft, Menschen den Schatz des Amazonas nahe zubringen, die dort noch nicht waren und sie für den einmaligen Wert dieses Gebietes zu sensibilisieren, dann hat Hovest seine Mission meiner Meinung nach voll erfüllt.

Anfänglich beäugte ich das Buch sehr kritisch. Doch schließlich bin ich begeistert und hoffe, die Eindrücke regen auch andere Betrachter zum Nachdenken an.

So hoffe ich auch, dass mit den Einnahmen aus dem Bücherverkauf und den kommenden Veranstaltungen zum Buch Organisationen unterstützt werden, die sich für den Erhalt und den Schutz der bedrohten Gebiete einsetzen.

 

York Hovest

Hundert Tage Amazonien 

Meine Reise zu den Hütern des Waldes

220 Seiten, Hardcover mit ca. 200 Abbildungen, mit Schutzumschlag, Format  27 x 32 cm

€ 49,99 Euro (D) / € 54,40 (A) / sFr. 65,00

ISBN 978-3-866900-468-2

NATIONAL GEOGRAPHIC Verlag

www.verlagshaus.de

www.nationalgeographic.de

Erscheinungstermin: 12. Oktober 2016

Bestellen kannst Du den Bildband zum Beispiel bei amazon*

 

Hast Du Lust auf mehr Lesestoff?

Weitere Rezensionen stelle ich Dir in der Rubrik Reisebücher, Bildbände und Kochbücher vor.

 

Der NATIONAL GEOGRAPHIC Verlag hat mir freundlicherweise ein kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Meine Bewertung ist davon unbeeinflusst.  

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1 Kommentar

  • Antworten
    Sina
    11. Oktober 2017 zu 12:46

    Hi,

    ich bin Sina.

    Die Reise mit dem Boot ueber den Amazonas Belem-Manaus war nicht so entspannt.
    Ich wollte dich fragen, ob du noch einen Warnhinweis hinzufuegen koenntest? Auf meinem Schiff gab es einen Piratenueberfall und das wuede ich gerne anderen Touristen ersparen bzw. sie sollten das zumindest im Hinterkopf haben.
    Da waere ich dir sehr dankbar…auch wenn der Trip an sich durch die Flussarme sehr schoen war.

    Das ist meine Geschichte:
    (Den Text habe ich an die Reisefuehrer Verlage verschickt)

    I booked a cabin for a boattrip from Belem to Manaus in the north of Brazil. Between Belem and Santarem our boat got robbed. 10 pirates with guns and knifes robbed almost everybody on the boat – the passengers and the crew. It was the smaller boat, departure was on Tuesday, 12 th of September 2017, in Belem. It was horrible. They also raped 3 women on the boat. This was not the first time, the people told me that it could happen and it happend on some boattrips before. I left the boat with two plastic bags. They robbed also my backpack. I didn t know about these typ of robberys.
    Please put an information in all your Southamerica and Brazil guides about the pirates in the Amazonian Region.
    I would recommend to book the bigger boat on Wednesday or Saturday (?) (most of the time they have security) and its more difficult for the pirates to get on the boat. In my case the pirates used two small speedboats to get there.
    I would like to recommend also to book a cabin because you can close it at nighttime and you shouldn t open it at nighttime when somebody is knocking at your door.

    Liebe Gruesse und take care,
    Sina

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